Johannes Zimorski, Frühinvalide

(22.12.1872-24.4.1945)

Johannes Zimorski ist ein vergessenes Opfer des NS-Regimes. Er wurde es nicht durch spektakulären Widerstand, sondern weil er Zivilcourage zeigte, indem er seinen Überzeugungen treu blieb. Er war ein einfaches Mann aus dem Volk. Er wurde am 22.12.1872 in Mixstadt, im preußischen Polen, geboren. Seit 1909 arbeitete er auf der Gute Hoffnungshütte in Oberhausen.
Mit seiner großen Familie, 10 Kinder, führte er das unauffällige Leben eines katholischen Arbeiters. In seiner Kirchengemeinde St. Marien, einer typischen Industriepfarrei, beteiligte er sich am Gemeindeleben. Fast täglich besuchte er die hl. Messe.

Im Herbst 1938 geriet Zimorski zum ersten Mal mit der Gestapo in Konflikt. Eine frühere Nachbarin zeigte ihn an, weil er in einem Gespräch mit ihr auf der Straße u.a. an der Wahrhaftigkeit der NS-Regierung zweifelte, da sie zu Unrecht katholische Priester verfolge. Auf ihren Einwand hin, er solle nicht so auf die Regierung schimpfen, bekräftigte er seine Meinung mit dem Statement, dass nur Gott und der heilige Papst alleine Recht täten. Seine Kirchentreue ließ ihn folglich zentralen Elementen der NS-Politik misstrauen.
Die Kirchentreue erschien überzeugten Nationalsozialisten als nationaler Makel. Der Zeugin galt Zimorski nämlich ausdrücklich als "strenger Katholik und Kirchenläufer. Seine Kirche geht ihm über alles." Der Oberhausener Gestapo-Beamte fasste die Ergebnisse der Untersuchung in seinem Bericht an die Oberstaatsanwaltschaft Duisburg folgendermaßen zusammen: "Der Beschuldigte Zimorski ist hier als Meckerer bekannt. Bei ihm handelt es sich um einen fanatischen Katholiken, dem das Wohl seiner Kirche über dem des Staates steht. Für ihn ist nur Wahrheit, was die Kirche sagt. Bei jeder Gelegenheit sieht er die Kirche in Gefahr und betrachtet er sich als Fürsprecher der Kirche. Diesbezüglich dürften ihm die zur Last gelegten Äußerungen auch unbedingt der Wahrheit entsprechen, überhaupt, da er sie zum Teil im wesentlichen nicht bestreitet. ..."
Die Anklagebehörde beim Sondergericht Düsseldorf entschied am 2. November 1938, dass eine Verwarnung Zimorskis angesichts seines Alters ausreichend sei.

Am 18. September 1942 lenkte Zimorski zum 2. Mal die Aufmerksamkeit der Gestapo auf sich und wurde diesmal vorläufig fest genommen. Wieder war eine mutige Bemerkung von ihm der Anlass, die wieder von Bekannten denunziert wurde. Diesmal ermittelte die Gestapo Oberhausen: "Z. soll sich bezüglich der Zerstörungen der Wohnhäuser durch engl. Flieger geäussert haben, daran wäre nur Deutschland schuld, weil es Polen und England den Krieg erklärt hätte. Er gibt zu, gesagt zu haben, das wäre die Strafe Gottes, alle haben gesündigt, ob Polacken oder Engländer. Z. ist fanatisch katholisch. ... Der Häftling ist geständig u. durch Zeugenaussage überführt. Er wurde in das Polizei-Gefängnis zur Verfügung der Stapo eingeliefert. Vorführung vor den Richter erfolgt. ...." Das Amtsgericht stellte am 3.11.1942 das Verfahren ein, "Da es sich um einen Mann von 70 Jahren handelt, ..."

Der nächste Vorfall, nur ein halbes Jahr später, wurde Zimorski zum Verhängnis. Am 16. Dezember 1943 wurde er vorläufig fest genommen, weil er nach Aussage von drei Zeugen am Abend des 16.12.1943, gegen 21.00 Uhr, während eines Bombenalarms im Luftschutzstollen zu einem ihm unbekannten, zufällig anwesenden Obergefreiten gesagt haben soll: "Der Scheiss-Krieg! Schmeisst die Klamotten weg, den haben wir sowieso verloren." Das Amtsgericht Oberhausen ordnete daraufhin am 10. Februar 1944 mit Unterbringungsbefehl einstweilige Unterbringungshaft in der Heil- und Pflegeanstalt Düren an, in die Zimorski am 18. März 1944 überführt wurde. Die Oberstaatsanwaltschaft Duisburg beantragte dann am 20. Mai 1944 die dauerhafte Unterbringung in Düren, da sie die Äußerungen als Wehrkraftzersetzung wertete. Wegen seiner angeblichen "senilen Demenz" beantragte die Staatsanwaltschaft die dauerhafte Unterbringung in einer Heil- und Pflegeanstalt gemäss § 42 STGB.
Die Einweisung in eine geschlossene psychiatrische Anstalt bedeutete unter den Bedingungen des 3. Reiches keinen Schutz, im Gegenteil. Am 18. September 1944 ging ein Transport forensisch Kranker nach Brauweiler und von dort weiter ins KZ Mauthausen nach Österreich. Dort wurde er am 25. September 1944 eingeliefert. Das kam angesichts der hohen Todesrate in Mauthausen und seinem Alter einem Todesurteil gleich. In Mauthausen wurde Zimorski. als Schutzhäftling, deutscher politischer Häftling, geführt. Schon am 26. September 1944, zwei Tage nach seiner Einlieferung, wurde er aus unbekannten Gründen in das Sanitätslager überstellt. Dieses war kein Krankenrevier, sondern eher eine Auslagerungsstätte zum Sterben. Trotz Krankheit und Schwäche mussten die Häftlinge dort arbeiten. Trotz seines hohen Alters und der miserablen Überlebenschancen hielt Zimorski 8 Monate unter diesen unmenschlichen Bedingungen durch. Dann wurde er in den "Zellenbau", das Lagergefängnis, verlegt. Im Keller desselben Gebäudes befand sich auch eine Gaskammer. Dass er vergast worden sein soll, berichtete nach 1945 ein mitinhaftierter belgischer Priester der Witwe. Am 24.4.1945 verstarb er laut Lagerkartei, die die genaueren Todesumstände nicht angibt, im "Zellenbau".

Somit ist Zimorski unzweifelhaft dem NS-Verfolgungswahn und der NS-Absicht, ihn zu töten, zum Opfer gefallen, weil er ein mutiger Bekenner der aus seinem katholischen Glauben gewonnenen Überzeugungen war. Er wurde nach 1945 als politisch Verfolgter anerkannt. Der Ausschuss für Wiedergutmachung hielt es für erwiesen, "daß es sich bei dem Verstorbenen um einen Überzeugungstäter gehandelt hat". Johannes Zimorski wurde angesichts des Katholikenhasses der Oberhausener Gestapo, die ihn immer wieder als Katholiken für besonders verfolgungswürdig hielt, zu einem Märtyrer seines Bekennermutes seines katholischen Glaubens, der ihn lehrte, das NS-Regime und seine politischen Maßnahmen abzulehnen.

Vera Bücker

Literatur

- Vera Bücker: Johannes Zimorski, in: diess.(Hg.): Kreuz unter dem Hakenkreuz. Oberhausener Katholiken im NS-Alltag, Oberhausen 2003, S. 153-167

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